Ratgeber · Systemwahl

CMS-Vergleich für den Relaunch: WordPress, TYPO3, Headless, Baukasten

Die Systemwahl entscheidet über Folgekosten, nicht über Funktionen. Eine Entscheidungsmatrix nach Redaktionsmodell, Integrationsbedarf und Betriebskompetenz.

Aktualisiert am 02.07.202614 Minuten LesezeitKein Login, kein Download-Zwang

Die Systemwahl entscheidet selten über das, was Besucher sehen, und fast immer über das, was die Website in den nächsten fünf Jahren kostet. Deshalb ist sie eine Betriebsentscheidung, keine Geschmacksfrage.

Die falsche und die richtige Frage

„Welches CMS ist das beste?" ist nicht beantwortbar. Jedes verbreitete System kann eine Unternehmenswebsite darstellen. Beantwortbar sind dagegen drei Fragen, deren Antworten die Auswahl fast automatisch treffen:

  1. Wer pflegt die Inhalte, wie oft, und wie technikaffin sind diese Personen?
  2. Welche Systeme müssen angebunden werden, und wie stabil sind diese Schnittstellen?
  3. Wer betreibt die Seite, aktualisiert sie und reagiert im Störfall?

Wer diese drei Fragen ehrlich beantwortet, hat die Auswahl meist auf ein bis zwei Systeme eingegrenzt, bevor überhaupt ein Anbieter beteiligt ist.

Sechs Entscheidungskriterien

  • Redaktionsmodell. Eine Person, die monatlich eine Nachricht einstellt, hat andere Anforderungen als zwölf Personen in drei Abteilungen mit Freigabeworkflow.
  • Integrationsbedarf. Je mehr Systeme angebunden werden, desto wichtiger sind saubere Schnittstellen und desto weniger zählt der Komfort der Oberfläche.
  • Betriebskompetenz. Wer aktualisiert das System? Wenn niemand im Haus zuständig ist, braucht es einen Wartungsvertrag oder ein System, das weniger Pflege verlangt.
  • Verfügbarkeit von Dienstleistern. Ein System, für das es in Ihrer Region drei Anbieter gibt, ist ein Klumpenrisiko. Sie werden den Dienstleister irgendwann wechseln wollen.
  • Anforderungen an Ausgabekanäle. Nur eine Website oder auch App, Digital Signage, Partnerportale? Erst dann wird ein entkoppeltes System sinnvoll.
  • Regulatorische Vorgaben. Hosting-Ort, Barrierefreiheitspflicht, Konzernvorgaben, Zertifizierungen.

Die Kandidaten im Vergleich

WordPress

Das mit Abstand verbreitetste System. Stärken: sehr große Auswahl an Dienstleistern, niedrige Einstiegskosten, vertraute Redaktionsoberfläche, riesiges Erweiterungsangebot. Schwächen: Erweiterungen sind der häufigste Grund für Sicherheits- und Aktualisierungs- probleme, und ein Auftritt aus zwanzig Erweiterungen ist über Jahre teuer zu warten.

Passt, wenn: überschaubarer Umfang, wenige Integrationen, redaktionelle Pflege durch nicht- technische Personen, und es gibt einen Wartungsvertrag. Passt nicht, wenn niemand die Aktualisierungen verantwortet. Dann wird es innerhalb von zwei Jahren zum Risiko.

TYPO3

Im deutschsprachigen Mittelstand stark verbreitet. Stärken: ausgereiftes Rechte- und Rollenkonzept, saubere Mehrsprachigkeit, gut geeignet für große Seitenbäume und mehrere Redaktionsteams. Schwächen: höhere Einstiegskosten, steilere Lernkurve, kleinerer Dienstleistermarkt, aufwendigere Versionswechsel.

Passt, wenn: viele Redakteure, mehrere Sprachen, komplexe Rechtestruktur, langfristiger Betrieb mit professioneller Betreuung.

Headless-CMS mit eigenem Frontend

Inhalte werden in einem System gepflegt und über eine Schnittstelle an ein separat entwickeltes Frontend ausgeliefert. Stärken: hohe Freiheit bei Darstellung und Performance, mehrere Ausgabekanäle, saubere Trennung von Inhalt und Darstellung. Schwächen: höhere Anfangsinvestition, Vorschaufunktion und Redaktionskomfort müssen bewusst gebaut werden, und es braucht dauerhaft Entwicklungskompetenz.

Passt, wenn: mehrere Ausgabekanäle, hohe Performance-Anforderungen, vorhandene Entwicklungsressourcen. Passt nicht als Statussymbol, der häufigste Fehlgriff der letzten Jahre ist ein entkoppeltes System für eine klassische Unternehmenswebsite mit einem Ausgabekanal.

Baukastensysteme

Stärken: niedrigste laufende Kosten, kein Wartungsaufwand, schnell startklar. Schwächen: begrenzte Individualisierung, eingeschränkter Datenexport, kaum Integrationsmöglichkeiten, vollständige Abhängigkeit vom Anbieter.

Passt für sehr kleine Auftritte ohne Integrationsbedarf. Kritisch wird es beim nächsten Relaunch: Der Export der Inhalte und eine vollständige URL-Liste sind oft nur eingeschränkt möglich, was das Redirect-Konzept erschwert.

Individualentwicklung ohne CMS

Sinnvoll nur, wenn Inhalte fast nie geändert werden oder aus einem anderen Führungssystem stammen. In allen anderen Fällen entsteht eine Website, für deren Pflege dauerhaft ein Entwickler nötig ist, der teuerste denkbare Redaktionsprozess.

Entscheidungsmatrix

SituationNaheliegende WahlBegründung
Bis 40 Seiten, eine Sprache, ein RedakteurWordPressgeringste Gesamtkosten, breiter Dienstleistermarkt
60–300 Seiten, mehrere Abteilungen, FreigabeworkflowTYPO3Rechte- und Rollenkonzept ohne Zusatzerweiterungen
Mehrsprachig mit eigenständigen LänderredaktionenTYPO3 oder Headlesssaubere Sprachtrennung und Übersetzungsworkflows
Website plus App plus PartnerportalHeadlessein Inhaltsbestand, mehrere Ausgabekanäle
Starke Performance-Anforderung, wenig RedaktionHeadless mit statischer AusgabeAuslieferung ohne Serverlogik zur Laufzeit
Kleinstauftritt, kein Budget für BetriebBaukastenniedrigste laufende Kosten, mit Ausstiegsrisiko

Gesamtkosten über drei Jahre

Der Systemvergleich wird erst dann ehrlich, wenn Betrieb und Weiterentwicklung mitgerechnet werden. Diese Posten gehören in jede Gegenüberstellung:

  • Einmalige Umsetzung inklusive Migration
  • Hosting in der für dieses System nötigen Ausstattung
  • Wartung: Systemaktualisierungen, Sicherheits-Patches, Erweiterungspflege
  • Lizenzen für Erweiterungen, Suchfunktion, Formulare, Übersetzungswerkzeuge
  • Größere Versionswechsel innerhalb des Zeitraums
  • Interner Aufwand für Redaktion und Schulung
  • Erwartete Weiterentwicklung: neue Seitentypen, Kampagnenseiten, Funktionen

Systeme mit niedrigen Einstiegskosten und hoher Erweiterungslast liegen über drei Jahre häufig gleichauf mit vermeintlich teureren Systemen, und deutlich darüber, wenn ein Versionswechsel in den Zeitraum fällt.

Wann sich ein Systemwechsel lohnt

Ein Wechsel kostet Geld, Zeit und Sichtbarkeitsrisiko. Er lohnt sich, wenn mindestens zwei dieser Punkte zutreffen:

  • Das bestehende System erhält keine Sicherheitsaktualisierungen mehr
  • Notwendige Anbindungen sind nicht oder nur mit hohem Aufwand möglich
  • Die Redaktion arbeitet dauerhaft am System vorbei, etwa in Textdokumenten
  • Es gibt nur noch einen einzigen Dienstleister, der das System betreuen kann
  • Die Betriebskosten übersteigen den Nutzen erkennbar

Kein hinreichender Grund ist: „Das System ist alt." Ein gepflegtes älteres System ist günstiger als ein neues, das niemand pflegt.

Typische Fehlentscheidungen

  1. System vor Anforderungen. Erst das CMS festlegen, dann das Lastenheft schreiben. Damit ist die Ausschreibung bereits vorentschieden.
  2. Entkoppelt aus Prinzip. Headless für einen einzigen Ausgabekanal verdoppelt den Aufwand ohne Gegenwert.
  3. Erweiterungen statt Konzept. Jede Anforderung mit einer weiteren Erweiterung lösen. Nach zwanzig Erweiterungen ist jedes Update ein Risiko.
  4. Betrieb nicht geklärt. Das System wird gewählt, aber niemand ist für Aktualisierungen zuständig.
  5. Nur eine Meinung eingeholt. Agenturen empfehlen, was sie beherrschen. Das ist verständlich, aber kein Auswahlverfahren.

Wie die Anforderungen aussehen, aus denen sich die Systemwahl ergibt, steht in Lastenheft Website-Relaunch. Die Systemwahl anbieterneutral vorzubereiten ist Teil unserer Relaunch-Beratung.

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